eine Erzählung am Tag, für immer

Das Schaf

Wadih zählt die Schafe um dreiundzwanzig Uhr vierzig. Es sind neununddreißig. Es sollten vierzig sein.

Er zählt ein zweites Mal. Neununddreißig.

Die Weide liegt südöstlich von Hasbaya, unter dem Kiefernhügel. Die Trockenmauer verläuft von Ost nach West über vierhundert Meter. In den kalten Monaten drängen sich die Schafe an die Mauer, in den warmen an den Wald. Mai ist warm. Die Schafe stehen am Waldrand.

Wadih ist achtundfünfzig Jahre alt. Er weidet dasselbe Land seit neunzehnhundertvierundachtzig. Wadihs Vater starb im Jahr zweitausend, sechsundsiebzig Jahre alt, zu Hause. Die Mutter drei Jahre danach, dreiundsiebzig.

Das fehlende Schaf heißt Maryam. Vier Jahre alt. Drei Lämmer. Wadih nennt alle älteren Weibchen seiner Herde Maryam. Jetzt hat er drei, drei Maryam.

Im Haus, vierhundert Meter über der Weide, schläft Wadihs Tochter Salwa, achtundzwanzig Jahre alt, seit sechs Jahren verheiratet. Ihr Mann Fares arbeitet in einer Kfz-Werkstatt in Marjayoun, acht Kilometer südlich. Heute Morgen um vier Uhr rief Salwa Fares an und sagte ihm, er solle nicht nach Hause kommen. Fares sagte ja. Jetzt schläft Fares auf dem Sofa der Werkstatt.

Wadih wusste, dass das Schaf fehlen könnte. Er wusste es seit Montag. Ein vier Jahre altes Schaf mit einem Lamm auf den Armen trennt sich von der Herde wegen Geräuschen, die die anderen nicht hören. Wadih hatte das Salwa am Nachmittag unter dem Feigenbaum gesagt.

Wadih schaltet die Stirnlampe ein. Die Lampe ist eine weiße Petzl, 02022 in Beirut gekauft, mit wiederaufladbaren Batterien. Er geht am Waldrand entlang. Er sucht die Spuren.

Im Südwesten zuckt der Himmel auf. Ein stiller, kurzer Blitz. Dann ein zweiter. Dann ein dritter. Wadih zählt die Sekunden zwischen Blitz und Knall. Neun, beim ersten. Acht, beim zweiten. Sieben, beim dritten.

Die Sekunden werden kürzer.

Wadih weiß, was die kürzer werdende Entfernung bedeutet. Das sind keine Gewitter. Seit zwanzig Tagen hat es nicht geregnet. Das sind Artillerieeinschläge aus der Gegend von Marjayoun im Süden, oder von weiter unten, von der Grenze. Das Dorfradio hatte am Nachmittag gemeldet: sechshundertneunzehn Abschüsse gestern. Wadih weiß nicht, was sechshundertneunzehn ist. Er weiß, was neun Sekunden sind.

Wadih geht weiter. Vierhundert Meter. Er bleibt stehen. Er richtet die Lampe zwischen die Kiefern.

Hinter einem niedrigen Rosmarinbusch steht ein Tier. Das Licht der Lampe trifft die Flanke. Wadih erkennt den weißen Rücken und den schwarzen Fleck hinter dem Ohr.

Maryam.

Wadih nähert sich. Das Schaf bewegt sich nicht. Wadih bückt sich. Er legt die Hand auf die Flanke. Warm.

Maryam atmet. Langsam, aber sie atmet.

Wadih leuchtet mit der Lampe im Kreis. Das Licht beleuchtet zwei Dinge: einen dunklen Fleck auf dem Boden neben dem hinteren rechten Bein und ein graues Metallstück, fingerlang, einen Meter entfernt in die Erde gedrückt. Das Stück hat eine gebogene Lasche an der Seite.

Wadih erkennt die Form. Submunition einer Streubombe. Er hatte eine im Jahr zweitausendundsechs gefunden, nach dem anderen Krieg, als die Weide voll davon war. Sie war undetoniert. Damals hatte er einen Mann von der UNIFIL gerufen.

Jetzt gibt es keine UNIFIL auf den Feldern von Hasbaya um dreiundzwanzig Uhr fünfzig am fünften Mai.

Wadih sieht sich das Bein von Maryam an. Der dunkle Fleck ist Blut. Das Schaf hat eine sechs Zentimeter lange Wunde am Oberschenkelmuskel. Die Submunition ist teilweise explodiert. Maryam lebt durch Zufall.

Wadih tut zwei Dinge, der Reihe nach.

Zuerst nimmt er das Baumwolltuch vom Hals. Er faltet es viermal. Er drückt es auf Maryams Wunde und hält es mit der linken Hand. Das Schaf zittert.

Dann hebt er Maryam hoch. Vierzig Kilo Lebendgewicht. Er lädt sie auf die rechte Schulter. Wadih hat die Knie eines achtundfünfzigjährigen Mannes, der seit zweiundvierzig Jahren weidet. Wadih geht zurück zur Trockenmauer. Vierhundert Meter.

Er sieht den Himmel nicht mehr an. Er geht, weiter nichts.

Im Südwesten leuchten die Blitze weiter. Sechs Sekunden. Fünf Sekunden. Wieder fünf Sekunden.

Wadih erreicht die Trockenmauer vier Minuten nach Mitternacht. Die anderen Schafe stehen still am Waldrand, zusammengedrängt. Wadih legt Maryam auf eine blaue Plastikplane, die er gefaltet in einer Nische der Mauer aufbewahrt.

Er wäscht die Wunde mit Wasser aus einer eineinhalb-Liter-Plastikflasche. Er desinfiziert mit Jod. Er bindet das Tuch um den Oberschenkel.

Maryam öffnet das rechte Auge im Licht der Trockenmauer. Sie schließt es. Sie öffnet es wieder.

Wadih setzt sich gegen die Mauer. Die blaue Plane liegt unter dem Schaf, die anderen Schafe sind hinter der Mauer, das Gras ist still, der Mond steht oben rechts, der Himmel im Südwesten macht jetzt einen vierten Blitz, den Wadih nicht mehr zählt.

Im Haus über der Weide schaltet Salwa die Lampe im Flur an. Sie tritt auf den Balkon. Sie sieht das Licht der Stirnlampe ihres Vaters, unbeweglich, unten, neben der Trockenmauer. Die Lampe bewegt sich nicht. Salwa geht hinein. Sie schaltet die Flurlampe aus. Sie bleibt auf dem Wohnzimmersofa mit dem Telefon in der Hand.

Maryam atmet. Wadih zählt die Atemzüge. Einer alle zweieinhalb Sekunden.

Der Morgengrauen von Hasbaya fällt im Mai um fünf Uhr zwölf. Es fehlen noch fünf Stunden und acht Minuten.

Wadih bleibt sitzen. Das Schaf atmet. Das Tuch hält. Die Submunition, auf der Weide vierhundert Meter entfernt, liegt noch dort, wo sie lag.

Maryam öffnet das rechte Auge. Sie schließt es.

Libanon. 619 IDF-Abschüsse auf libanesisches Gebiet und 30 Richtung Israel am 5. Mai 02026, Höhepunkt seit der Waffenruhe vom 17. April. ONU Daily Press Briefing OSSG, 5. Mai 02026.
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Notiz

Fakt: Libanon. 619 IDF-Abschüsse auf libanesisches Gebiet und 30 Richtung Israel am 5. Mai 02026, Höhepunkt seit der Waffenruhe vom 17. April. (ONU Daily Press Briefing OSSG, 5. Mai 02026.)

Welt: In Italien stirbt ein Arbeiter der HCA in Bazzano, von einem Wagen erdrückt, und wird vom Bruder aufgefunden. In Mexiko prangert die Gewerkschaft minero den Einsatz der organisierten Kriminalität in den mineras von Zacatecas und Sinaloa an. In Manila eröffnet das erste Direktvermittlungszentrum zwischen den Philippinen und Taiwan, unter Umgehung der Vermittler. Im Sudan trifft eine RSF-Drohne einen zivilen Minibus in Omdurman, fünf Tote.

Varianten: 5.

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Everyday Endless ist ein erzählerischer Organismus. Täglich nährt er sich vom Druck der realen Welt und verwandelt ihn in Erzählung. Was aus dem Faktum wird, hängt vom Tag ab: Das Dispositiv wechselt die Form, das Material wechselt die Stimme, die Distanz zum Realen wechselt die Tiefe.

Der Autor hat das Dispositiv geschrieben. Das Dispositiv komponiert die Erzählung. Der Mechanismus ist erklärt und sichtbar.

Die Reihen komponieren sich Erzählung für Erzählung.

Das Projekt
Fascicoli
Alle fünfundzwanzig Geschichten schließt die Vorrichtung ein Fascicolo. Das Fascicolo versammelt die Texte in der Reihenfolge ihrer Entstehung, mit ihren colophon, ihren Stimmen, ihren Daten. Es ist das Tagebuch einer Periode: fünfundzwanzig Tage Welt, von der Maschine durchquert. Die Fascicoli sind mit römischen Ziffern nummeriert und kostenlos im digitalen Format verfügbar.
Thema
hell dunkel
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