Das Haus riecht nach Kaffee und nach abgestandenem Stoff. Mizgîn wartet, dass Sîpan seine Tasse austrinkt, doch er stellt sie halbvoll auf den Tisch, nimmt die Schlüssel, geht hinaus. Die Tür schließt leise. Seit Februar grüßt Sîpan nicht mehr, nicht weil er seine Mutter hasste — Mizgîn weiß es — sondern weil die Worte, die nötig wären, in ihrer Sprache noch nicht existieren, und er will sie nicht erfinden. Aram hätte gewusst, was er ihm sagen sollte. Aram ist seit Januar fort.
Mizgîn tritt an die graue Jacke, die neben der Tür hängt. Es ist Arams Jacke. Auf der linken Brusttasche das grünweiß karierte Tuch, das von der Hochzeit von 01982, viermal gefaltet. Sie nimmt es. Sie faltet es noch einmal, achtfach. Sie steckt es in die Innentasche ihres Kleides. Sie geht hinaus.
Es ist der 24. Mai 02026, neun Uhr vierzig am Morgen, und Hassakeh ist schon trocken. Mizgîn geht die al-Quwatli-Straße entlang, am neuen Friedhof vorbei — dem, in dem man im Januar in zwei Wochen mehr Gräber ausgehoben hat als in zehn Jahren. Die Grabsteine sind grau, noch ohne kalt eingeschnittene Namen. Nur einer, beim Tor, trägt einen frisch eingeschnittenen Namen, von heute. Mizgîn bleibt nicht stehen, um zu lesen.
Das Wahllokal ist in der Grundschule der al-Bashir-Straße, im ersten Stock. Es gibt eine Schlange. Mizgîn erkennt Khalid, den Nachbarn von oben; er nickt ihr kurz zu. Sie nickt zurück. Sie sprechen nicht. Die Luft in der Schule steht still. An der einzigen blau gestrichenen Wand hängt das Plakat mit den zwei Namen. Der eine ist der Kandidat der Regierung. Die andere eine junge Frau, von der gesagt wird, sie werde von der kurdischen Diaspora in Deutschland unterstützt. Aram hatte an einem Abend im vergangenen Dezember gesagt, dem ersten könne man nicht trauen, denn wer einmal die Seite gewechselt habe, tue es immer wieder.
Der Wahlhelfer ist zweiundzwanzig, eine graue Jacke zu groß für die Schultern, einen feuchten Stempel in der Hand. Er reicht ihr den Stimmzettel. Mizgîn nimmt ihn. Sie faltet ihn zweimal, um die Namen nicht vor dem Augenblick zu sehen. Sie geht in die Wahlkabine.
Die weißlichen Vorhänge der Kabine sind dünner Polyester. Mizgîn zieht sie zu. Sie steht im Verschlossenen, in der Stille. Der gefaltete Stimmzettel auf der kleinen Holzablage. Der Plastikstift daneben.
Sie öffnet den Stimmzettel. Die zwei Namen. Sie nimmt den Stift.
Die rechte Hand auf dem Stift. Die linke in der Innentasche des Kleides, auf dem grünweiß karierten Tuch.
Vierzehn Sekunden.
In der ersten Sekunde sieht Mizgîn Aram im Herbst 02019, wie er ihr sagte, sie solle Überläufern nie trauen, denn ein Mann, der sich einmal verkauft, verkauft sich immer.
In der dritten Sekunde sieht sie Sîpan im Februar, an der Tür, wie er „Mutter, hör auf" zu ihr sagte, und dass es das erste Mal seit fünf Jahren war, dass er sie Mutter nannte.
In der fünften Sekunde sieht sie ihre Mutter im Jahr 01976, wie sie ihr ein grünweiß kariertes Tuch brachte und ihr sagte, das Grüne sei für die, die bleiben, und das Weiße für die, die fortgehen.
In der achten Sekunde sieht sie sich selbst im Spiegel des Schlafzimmers, an dem Abend, an dem Aram nicht heimgekommen war.
In der zwölften Sekunde senkt sich der Stift.
In der vierzehnten hebt er sich wieder.
Mizgîn verlässt die Kabine. Sie faltet den Stimmzettel zweimal. Sie geht zur durchsichtigen Plastikurne. Der Wahlhelfer streckt die Hand aus. Sie legt den gefalteten Stimmzettel in seine Handfläche. Er lässt ihn fallen. Der Stimmzettel sinkt unter die anderen.
Mizgîn verlässt die Schule. Sie geht die al-Bashir-Straße entlang. Sie kommt wieder am neuen Friedhof vorbei. Der Grabstein mit dem frisch eingeschnittenen Namen ist der sechste links vom Tor. Sie heißt Hêvîn Mistefa Berekat. Achtundzwanzig Jahre. Mizgîn kennt sie nicht.
Zu Hause ist Sîpan früher als sonst von der Arbeit zurück. Er sitzt am Tisch, die Hände offen auf dem Holz. Er sieht sie an. Mizgîn stellt den Kaffee auf den Herd. Sie wartet, bis er heiß wird. Sîpan sagt „Mutter". Es ist das zweite Mal in fünf Jahren. Sie dreht sich nicht um.
Das Tuch bleibt in der Innentasche des Kleides.