Lê Thị Hồng war fünfzig Jahre alt; sie saß am Küchentisch um vier Uhr vierunddreißig am ersten Mai, in dem Haus in Bắc Giang, wo ihr Mann, der Maurer, noch schlief, das Radio im anderen Zimmer eingeschaltet, das Radio, das Nachrichten vom Mangostan-Markt des Nördlichen Zentralgürtels brachte (Markt um neun Prozent gefallen, Durchschnittspreis fünfzehntausend đồng das Kilo); sie hielt das Telefon seit vierzig Minuten in der Hand, seit — um drei Uhr vierundfünfzig genau, drei Uhr vierundfünfzig, die sie nicht mit dem eigenen Auge, sondern mit dem Auge des Telefons gesehen hatte, denn die Stunden in der Küche wurden von der Uhr des Telefons angezeigt — der Videoanruf ihrer Tochter Linh von einer philippinischen Nummer gekommen und nach neun Sekunden abgebrochen war.
Neun Sekunden: was geht in neun Sekunden hinein; wie viele Worte; wie viele Bilder. Hồng hatte die Sekunden während des Anrufs gezählt (eine alte Gewohnheit, die ihr aus den Jahren in der Hemdenfabrik geblieben war, vom Nähen eines Ärmels, sechs Sekunden je Ärmel, wenn die Maschine gut lief, acht, wenn der Riemen der Maschine müde war); sie hatte in diesen neun Sekunden Linhs Gesicht gesehen, in Großaufnahme, vor einem Hintergrund aus weißer, von Feuchtigkeit fleckiger Wand, die keine Wand ihres Hauses war noch eines Hauses, das die Mutter kannte; sie hatte Linhs Stimme gehört, eine Stimme, die Linhs Stimme war, aber in einer Sprache, einer Betonung, einem Rhythmus, die nicht die der Linh waren, die zehn Monate zuvor fortgegangen war.
Da war eine Silbe gewesen. Linh hatte „mam" gesagt, nicht „mẹ"; und „mam" — die Mutter wusste es, weil sie die Mädchen aus dem Norden der Provinz Lạng Sơn es zu ihren Müttern hatte sagen hören, wenn sie auf den Markt von Hà Nội ging, als sie noch auf den Markt von Hà Nội ging — war keine Aussprache ihres Hauses: es war eine Aussprache, die man lernte, indem man chinesisches Fernsehen hörte oder einer Zimmergenossin aus dem Norden zuhörte; und hinter Linhs Stimme, in diesen neun Sekunden, war eine andere Stimme, eine männliche, auf Mandarin, eine Stimme, die mit derselben Betonung sprach, mit der sie selbst „Schluss!" zu einem Hund sagte, der die Speisekammer geöffnet hatte: „Schluss, leg auf".
Hồng hatte die Küche danach dreimal geputzt, während sie wartete: einmal mit dem nassen Lappen; einmal mit dem trockenen Lappen; einmal, indem sie mit den Fingerspitzen am Rand des Spülbeckens entlangfuhr, um den Sand aufzulesen, den ihr Mann von den Baustellen unter den Schuhen nach Hause trug. Sand aus Bắc Giang, rötlich. Sie fragte sich, ob die weiße, fleckige Wand in Manila sei; sie fragte sich, ob die lavendelfarbenen Plastikhandschellen, die sie am rechten Handgelenk der Tochter, unter dem Ärmel des Schlafanzugs, erblickt zu haben glaubte — ein Spiegeln, ein Aufblitzen — (der Schlafanzug: von einem verblichenen Beige, das die Mutter ihr nie gekauft hatte) wirklich Handschellen seien oder eine jener neuen elektronischen Uhren, die die Mädchen jetzt trugen. Sie fragte sich diese Dinge, ohne sich zu erlauben, zu antworten. Antworten hieß wissen; wissen hieß entscheiden; entscheiden, in der Küche, um vier Uhr morgens, vor einem Resopaltisch mit einem Riss in der Mitte, den ein Untersetzer aus Stroh bedeckte, war noch verfrüht.
Das Telefon klingelte. Dieselbe Nummer. Hồng nahm ab; sie sah die Tochter im Video, in Großaufnahme: Linhs Augen waren Linhs Augen, die Augenbrauen waren die Augenbrauen, das Muttermal unter dem linken Kiefer (ein winziges Muttermal, das der Vater am selben Kiefer gehabt und das sie geerbt hatte) war das Muttermal. Linhs Stimme war ruhig. Sie sagte: „Mama, alles in Ordnung, ich bin auf einer Polizeiwache, mir geht es gut, die Polizei ist da". Linh sprach ein Vietnamesisch des Nordens, perfekt, schulmäßig, langsam — ein Vietnamesisch, das nicht das Vietnamesisch von zu Hause war, es war ein Vietnamesisch, das man spricht, um aufgenommen zu werden.
Hồng beschloss, sie nicht zu fragen, wo sie sei; beschloss, sie nicht zu fragen, ob es wirklich die Polizei sei; beschloss — in einer Zeit, die sich in Atemzügen misst, nicht in Sekunden — sie nur eines zu fragen, etwas, das die Tochter nicht erwartete, etwas, worauf die Tochter, wenn sie frei wäre zu antworten, auf eine Weise antworten würde, und worauf sie, wenn sie nicht frei wäre, auf eine andere antworten würde.
Sie sagte: „Linh, sag mir den Namen unseres Hundes".
Linh schwieg zwei Sekunden. (Zwei Sekunden: die Zeit eines Ärmels, nicht einmal, in der Fabrik.) Dann sagte sie: „Mèo".
Der Hund hieß Tâm. Mèo war die Katze des Nachbarn, die Katze, die in ihr Haus kam, um die Köpfe der getrockneten Fische zu stehlen, die die Mutter auf dem Fensterbrett liegen ließ.
Hồng nickte, im Video, damit die Tochter sie nicken sähe. Sie sagte: „brav". Sie beendete den Anruf.
Sie öffnete das Küchenfenster. Der Regen der Jahreszeit netzte die Mangostanbäume im Hof, und der Geruch — ein Geruch von Erde und frisch geschnittener roter Schale — trat ins Zimmer wie ein zweiter Bewohner. Sie wählte die Nummer des vietnamesischen Konsulats in Manila (sie hatte sie fünf Monate zuvor auf die Rückseite einer Wasserrechnung geschrieben, in der Hoffnung, sie nie gebrauchen zu müssen); sie wartete drei Klingelzeichen; als eine Männerstimme auf offiziellem Vietnamesisch antwortete, sagte Hồng, langsam, im Tonfall einer, die ein Gebet verfasst: „meine Tochter Lê Thị Linh, siebenundzwanzig Jahre alt, ist am Leben, sie wird von chinesischen Männern auf den Philippinen festgehalten, heute ist der erste Mai, es ist vier Uhr zweiundvierzig, notieren Sie".