eine Erzählung am Tag, für immer

Die Karte stimmt nicht überein

Die Frau kommt am dreiundzwanzigsten Mai um sechs Uhr abends mit dem Bus in Qinyuan an. Im Zentrum für die Angehörigen ist ein Beamter in grauer Uniform, der sie nach ihrem Namen fragt. Sie gibt ihn. Er fragt den Namen des Mannes. Sie gibt ihn. Er schreibt ihn für sie auf das Blatt. Er zeigt ihr das Formular. Das Formular sagt, dass es am dreiundzwanzigsten Mai neun Vermisste gibt. Einer der neun ist ihr Mann. Das Formular sagt, dass die Gewerkschaft der Bergleute an der Suche mitwirkt. Das Formular sagt, dass die Rettung noch im Gange ist. Er weist sie auf eine Reihe orangefarbener Plastikstühle hin. Er sagt ihr, dass sie sich dort hinsetzen kann. Er sagt ihr, dass man ihr Tee bringen wird. Der Tee kommt in einem Plastikbecher. Der Tee ist kalt. Sie hält ihn mit beiden Händen. Über der Stuhlreihe ist ein Schild. Über dem Schild ist ein weiteres Schild. Über dem zweiten Schild, an die Wand gehängt, ist eine Karte.

Die Karte ist der Schnitt der Lagerstätte dreihundert Meter unter der Erde. Die Karte ist mit schwarzem Bleistift gezeichnet, die Hauptstollen rot koloriert. Die Karte ist die Kopie der amtlichen Karte der Lagerstätte. Die Frau betrachtet sie vom dreiundzwanzigsten bis zum Morgen des fünfundzwanzigsten. Sie geht vierzig Mal an der Karte vorbei. Sie hört die Stimmen der anderen Angehörigen im Saal. Einer der Angehörigen, ein Alter in bäuerlicher Kleidung, wiederholt, dass die Karte nicht übereinstimmt. Seine Stimme ist immer dieselbe. Am Abend des vierundzwanzigsten siezt er die Karte. Er sagt, die Karte sei eine Lüge der Partei. Niemand bringt ihn zum Schweigen. Am Morgen des fünfundzwanzigsten kommt ein Rettungstechniker im orangefarbenen Anzug in den Saal und bestätigt es. Er sagt, dass die Karte nicht übereinstimmt. Er sagt, dass Stollen elf, jener, in dem sich die Gruppe der Vermissten geflüchtet haben soll, nicht dort ist, wo er eingezeichnet ist. Er sagt, dass sie an drei anderen Stellen graben. Die Frau hört zu. Sie hält in der Hand einen Becher kalten Tee, den man ihr gerade zurückgebracht hat. Der Alte wendet sich dem Techniker zu. Der Alte sagt nichts. Der Techniker geht hinaus. Die Frau stellt den Becher ab. Sie steht reglos vor der Karte.

Am Morgen des sechsundzwanzigsten um Viertel nach sieben kommt ein zweiter Beamter mit einem anderen Formular. Das Formular ist zwei Seiten lang. Das Formular bittet um die Genehmigung der DNA-Entnahme bei der Frau zum Vergleich. Das Formular bittet um die Genehmigung der DNA-Entnahme bei den Kindern, einem Jungen und einem Mädchen, die die Frau im Bus mitgebracht hat. Das Formular sagt, dass die DNA-Entnahme dazu verwendet wird, die Körper zu identifizieren, die gefunden werden könnten. Das Formular sagt, dass die DNA-Entnahme eine Einwilligung auf freiwilliger Basis ist. Das Formular sagt, dass die Unterschrift keine Anerkennung bedeutet. Die Frau schaut das Formular an. Sie sieht das Datum. Sie sieht die Einwilligungsnummer. Sie sieht die zwei Unterschriften, die sie schon anderswo für andere Dinge gegeben hatte. Sie spürt den orangefarbenen Plastikstift in der Hand. Der Junge sitzt zu ihrer Linken. Das Mädchen sitzt zu ihrer Rechten. Sie haben ihr seit drei Tagen nichts gesagt. Sie schauen das Formular an. Sie können das Formular nicht lesen, weil es in behördlichem Mandarin geschrieben ist. Sie kann es lesen. Sie unterschreibt. Sie unterschreibt mit fester Hand.

Der Beamte nimmt das Formular. Er sagt ihr danke. Er sagt ihr, eine halbe Stunde auf die Entnahme zu warten. Er bringt ihr den Umschlag mit den Plastik-Abstrichtupfern. Der Umschlag hat drei Tupfer. Einen für sie. Einen für den Jungen. Einen für das Mädchen. Er sagt ihr, die Tupfer zu öffnen. Sie öffnet die Tupfer. Er sagt ihr, den Tupfer zwanzig Sekunden an der Innenwand der Wange zu reiben. Sie reibt. Sie reibt zwanzig Sekunden. Sie legt den Tupfer wieder in den Umschlag. Sie tut dasselbe beim Jungen. Sie tut dasselbe beim Mädchen. Sie übergibt dem Beamten den Umschlag. Der Beamte schreibt auf das Etikett. Der Beamte schreibt die Nummer. Der Beamte schreibt drei Namen. Der Beamte geht. Die Frau geht zum orangefarbenen Stuhl zurück. Die Karte ist noch über dem Schild. Die Karte hat sich nicht verändert. Die Frau weiß, dass die Karte nicht übereinstimmt. Die Frau hat die Einwilligung zur DNA für einen Mann unterschrieben, der in Stollen elf gefunden werden könnte, der nicht dort ist, wo er eingezeichnet ist. Die Frau hat die Einwilligung zur DNA für einen Mann unterschrieben, der in einem Stollen sein könnte, von dem niemand weiß, wo er ist. Die Frau hat die Einwilligung zur DNA unterschrieben. Der Junge, zu ihrer Linken sitzend, legt die Hand auf die Hand der Frau. Das Mädchen, zu ihrer Rechten sitzend, legt die Hand auf die andere Hand der Frau. Die Frau bewegt weder die rechte noch die linke Hand. Im Saal hustet jemand. Der Alte spricht nicht mehr von der Karte.

*Qinyuan, Shanxi, China. Gasexplosion in der Kohlemine von Liushenyu am 22. Mai 02026: 82 tote Bergleute, 9 vermisst, 123 verletzt (4 in kritischem Zustand). Die Rettungsteams entdecken, dass die amtliche Karte des Untergrunds nicht mit den tatsächlichen Stollen übereinstimmt (CNN).*
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Notiz

Fakt: In der Kohlemine von Liushenyu, in Shanxi, tötet eine Explosion zweiundachtzig Bergleute und lässt neun vermisst am zweiundzwanzigsten Mai. Die Rettungsteams entdecken, dass die amtliche Karte des Untergrunds nicht mit den tatsächlichen Stollen übereinstimmt (CNN, 22. Mai 02026).

Welt: In Gaza markiert laut dem Government Media Office der Juli zweitausendsechsundzwanzig tausend Tage Krieg: dreiundsiebzigtausendsechsundsechzig getötete Palästinenser, neunzig Prozent des Streifens zerstört, achtzig Prozent besetzt (Al Jazeera). Im Westjordanland sind seit Jahresbeginn mindestens einundsiebzig Palästinenser von israelischen Kräften getötet worden (Al Jazeera). In China wird die zweiundzwanzigjährige Zhang Yadi wegen Aufwiegelung zum Separatismus verhaftet, während sie aus Frankreich zu einem Familienbesuch zurückkehrt (Human Rights Watch).

Varianten: 5.

Voce Incalmo · Pneuma I.

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