Das Wasser hatte um elf Uhr nachts den zweiten Stock erreicht. Mei wusste es, weil sie die Stufen gezählt hatte, die verschwanden, eine nach der anderen, im Treppenhaus. Um elf waren noch vier übrig. Um Mitternacht keine.
Der alte Shen lag in seinem Bett an der Ostwand, wohin man ihn gelegt hatte, seit die Beine nicht mehr mitmachten. Er konnte nicht aufstehen. Er konnte den Kopf drehen, die Hände bewegen, die Lautstärke des Radios halten. Das Radio war ein grauer Transistor-Panda, die Antenne in der Mitte geknickt und mit Kupferdraht geflickt. Es stand seit dreißig Jahren auf dem Nachttisch. Es sagte die Uhrzeit, das Wetter, den Pegel der Flüsse.
Jetzt sprach es vom Liulan-Stausee. Der Damm war gegen Abend gebrochen. Die Stimme las die Namen der Dörfer flussabwärts von Hengzhou wie eine Einkaufsliste. Mei hörte die Namen und suchte ihren.
Sie machte die Dinge bereit, bevor man sie brauchte. Sie nahm die blaue Plastikplane, die das Motorrad auf dem Balkon bedeckte. Sie breitete sie auf dem Boden aus. Sie suchte die Wäscheleinen und schnitt sie mit dem Küchenmesser in vier gleiche Stücke. Sie band die Stücke an die Ösen der Plane, eines an jede Ecke. Sie machte doppelte Knoten. Sie zog zur Probe. Die Plane hielt.
Das Kind schlief auf dem Sofa, mit den Schuhen an den Füßen. Mei hatte sie ihm mit Absicht angelassen.
Das Boot kam um Viertel vor zwei. Sie hörte es, bevor sie es sah: den Außenbordmotor, tief, der gegen die Strömung unter dem Fenster lief. Dann die Taschenlampe. Ein Mann in orangefarbener Weste leuchtete den Raum von unten aus, aus dem schwarzen Wasser, das jetzt die Straße war.
„Wie viele seid ihr", sagte der Mann. Es war keine Frage.
„Drei", sagte Mei. „Ein Kind, ein Alter, der nicht geht, ich."
Der Mann bewegte die Lampe auf den Alten, auf das Bett, auf die reglosen Beine unter dem Laken. Dann bewegte er sie auf das Boot unter sich. Auch Mei schaute. Da war eine Frau mit zwei Kindern, ein alter Mann, ein Junge, der das Ruder hielt. Das Boot lag tief im Wasser.
„Ein Platz", sagte der Mann. „Nur einer. Dann kommen wir wieder. Das Kind."
Der alte Shen drehte das Radio lauter. Die Stimme sagte, die Teams erreichten Hengzhou mit Drohnen, die Vermissten seien vermisst, achtundvierzigtausend Menschen seien schon draußen. Der Alte hörte zu, wie man einer Sache zuhört, die einen anderen betrifft.
Mei nahm das Kind vom Sofa. Sie stellte es auf die Beine, hielt sein Gesicht in den Händen, sagte ihm, die Hand des Mannes mit der Weste nicht loszulassen. Das Kind weinte nicht. Es sah auf das schwarze Wasser, wo vorher der Hof gewesen war.
„Steigen Sie auch ein", sagte der Mann. „Den Alten holen wir danach. Regel. Man steigt der Reihe nach ein. Frauen, Kinder."
„Er kann nicht allein bleiben", sagte Mei.
„Wir sind in einer halben Stunde zurück."
„Das Wasser steigt einen Stock alle zwei Stunden", sagte Mei. „In einer halben Stunde ist es im dritten. Er liegt im Bett. Er steht nicht auf."
Der Mann hielt die Lampe ruhig auf Meis Gesicht. Dann ließ er das Kind ins Boot hinunter, in die Arme der Frau mit den zwei Kindern. Das Boot sank noch ein wenig tiefer. Der Motor änderte seinen Klang.
„Eine halbe Stunde", sagte der Mann. Das Boot löste sich vom Fenster und verschwand hinter der Ecke des Hauses, zum Sammelpunkt hin, das Geräusch wurde klein.
Mei schloss das Fenster halb, gegen den Wind. Sie ging zum Alten zurück. Sie führte die Seile der Plane unter seinen Rücken, wie sie es geübt hatte, eine Ecke nach der anderen, kaum anhebend. Der Alte war leicht. Er wog weniger als die nasse Abdeckung eines Motorrads.
„Wenn das Boot zurückkommt, lasse ich dich aus dem Fenster hinunter", sagte Mei. „Zuerst die Schultern. Langsam."
Der alte Shen antwortete nicht. Er drehte noch lauter. Das Radio brachte jetzt Musik, ein altes Lied aus Guangxi, aus der Zeit, als Flüsse nur Flüsse waren. Er bewegte den Kopf langsam, im Takt.
Das Wasser kam um fünf vor zwei unter der Zimmertür herein, früher als erwartet. Mei spürte es kalt an den Knöcheln. Es stieg einen Finger, dann zwei. Mei hob das Bett an, indem sie unter die Beine die Ziegel legte, die sie auf dem Balkon für die Blumentöpfe hatte. Sie gewann zehn Zentimeter. Sie trug das Radio auf die Fensterbank, ins Trockene, die Antenne nach außen, damit es noch empfing.
Dann setzte sie sich auf den Bettrand, neben den Alten, und behielt die Straßenecke im Auge, aus der der Motor zurückkommen sollte. Das Wasser stieg gegen die Ziegel. Das Radio auf der Bank spielte weiter das Lied, dann die Vorhersagen, dann wieder die Namen der Dörfer. Es sagte jetzt ihren. Es sagte ihn und ging weiter, zum nächsten, wie es für alle getan hatte.
Um zehn nach zwei erreichte das Wasser die Bank. Das Radio trank einen Tropfen, dann noch einen, dann verstummte es mitten in einem Wort. Mei nahm es, schüttelte es, trocknete es an ihrer Brust. Es ging nicht wieder an. Der alte Shen sah zur Tür. Draußen, fern, hinter der Ecke, war ein Motor zu hören. Mei stellte sich auf dem Bett auf, das tote Radio in der Hand, und begann zum Fenster hin zu rufen.
Fakt: In Hengzhou, in Nanning, bricht der Taifun Maysak den Damm des Liulan-Stausees: Alarmstufe I, das Wasser steigt in den zweiten Stock, achtundvierzigtausend Menschen evakuiert. Die Überschwemmungen in Guangxi fordern zwei Tote. (US News; Euronews; CGTN, 7. Juli 2026.)
Welt: In Kyjiw tötet ein russischer Raketen- und Drohnenangriff mindestens zweiundzwanzig Menschen in der Region (CBS News). In Venezuela übersteigt die Bilanz des doppelten Erdbebens dreitausenddreihundert Tote, mit Tausenden Vertriebenen in der Region La Guaira (Democracy Now). In Aden demonstrieren Zehntausende zur Unterstützung des Südlichen Übergangsrats (Al-Monitor).
Varianten: 5.
Incalmo · Pneuma I.
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