eine Erzählung am Tag, für immer

Das Glöckchen

Morgengrauen des dreißigsten Juni. Nakabe, ein Binnental der Präfektur Aomori. Sato Kenzo tritt aus dem Holzhaus mit der Schiebetür, die seit drei Wintern undicht ist, und schiebt die Ärmel seiner Weste hoch. Er ist einundsiebzig, hat einen zwei Tage alten Bart, die Zähne gut für sein Alter. Am Hoftor hat der Sohn des Bürgermeisters von Hirakawa gestern das Plakat der Präfektur angebracht. Auf dem Plakat ist die Fotografie des Bären auf einem Platz mit gestapeltem Holz, die Gestalt geschätzt auf zweitausenddreihundert Kilo, zwei Meter vierzig am Widerrist. Unter dem Foto stehen die gebührenfreie Nummer und die Worte: morgens nicht allein hinausgehen, ein Glöckchen oder ein Mittelwellenradio tragen, kein Essen sichtbar liegen lassen.

Kenzo schaut auf das Plakat. Der Hof trägt die Furchen der Krallen im Holz des Brunnens, drei parallele Linien, frisch von dieser Nacht. Kenzo bindet sich das bronzene Glöckchen an den rechten Ärmel. Das Glöckchen ist kleiner als eine Faust. Seine Mutter hatte es ihm aus dem Tempel von Kōbō in Tsugaru mitgebracht, als er zwanzig war. Seine Mutter hatte ihm gesagt: dieses hier taugt. Das Glöckchen war kein Glöckchen für Bären. Es war das Totenglöckchen des Tempels, mitgenommen aus einem halb verlassenen Tempel, in den niemand mehr zurückkehrte. Kenzos Mutter war am siebenundzwanzigsten April zweitausenddreiundzwanzig gestorben. Das Glöckchen war zwei Monate in der Schublade der Mutter geblieben, dann hatte Kenzo es an seine Weste gehängt. Er ließ es bei jedem Schritt läuten, wenn er in die Berge ging. Seit drei Jahren.

Kenzos Hof liegt nahe der alten Schule, die zweitausendneun geschlossen wurde. Nakabe hatte im Jahr zweitausend hundertvier Einwohner. Es hatte zweitausendzwanzig achtunddreißig. Jetzt ist Kenzo der Einzige. Das Haus der Mutter liegt genau einen Kilometer bergauf, jenseits der Holzbrücke über den Bach Hie, auf dem südlichen Grat des Berges Kuroishi. Er hat zwölf weiße Holzbeuten unter dem Vordach des Ziegenstalls der Mutter, wo es seit zweitausendneun keine Ziegen mehr gibt. Kenzo geht schnell. Das Glöckchen klingelt bei jedem Schritt auf dem festgetretenen Erdweg.

Er überquert die Holzbrücke. Die Bohlen geben zwei Zentimeter unter dem Gewicht nach. Kenzo denkt: als hier hundert Menschen waren, konnte man auf den Bohlen tanzen. Er steigt den Hang des Lärchenwaldes hinauf. Er sieht das Haus der Mutter nach der zweiten Kurve. Graues Dach. Die Küchentür zum Hof der Mutter trägt die Furchen der Krallen, frisch, von dieser Nacht. Die Beuten unter dem Vordach sind acht aufrecht und vier umgestürzt. Die umgestürzten Beuten haben das Dach zersprungen, das Holzgestell aufgerissen. Kenzo begreift, dass der Bär vor wenigen Stunden hier vorbeigekommen ist.

Kenzo öffnet die Küchentür. Drinnen der Geruch des Windes, der seit drei Jahren durchzieht. Die Fenster seit April zweitausenddreiundzwanzig geschlossen. Auf dem Tisch die leere Schale der Mutter. In der Schale der Mutter sind jetzt, heute Morgen, drei Bienen. Die drei Bienen summen leise, ohne Aggression, sie suchen Wasser. Kenzo hebt den Blick. Er sieht: durch die geschlossenen Fenster, durch die Spalten unter der Tür, durch den Schornstein der Feuerstelle sind die Bienen hereingekommen, fünfzig vielleicht, hundert, sie summen frei durch die Stube. Sie greifen nicht an. Sie suchen Wasser in den Honigtöpfen der Mutter, auf dem Holzschrank, den Kenzo vor vierzig Jahren mit seinen eigenen Händen gebaut hatte.

Kenzo begreift, dass der Bär in dieser Nacht die Beuten umgestürzt hat, dass die Bienen ihre Mitte verloren haben. Aber die Bienen sind hierhergekommen, in das Haus der Mutter, weil hier das Holz des Schranks in seinen Schubladen noch die alten Töpfe mit dem süßen Schatten des Honigs trägt. Die Bienen sind gekommen, um Kenzos Mutter zu suchen. Die Bienen sind nach Hause gekommen.

Kenzo nimmt das Glöckchen von seiner Weste. Er legt es auf den Tisch, neben die leere Schale. Stille in der Küche der Mutter. Stille auch im Hof. Die Bienen summen leise, aber die Bronze ist nicht mehr zu hören. Kenzo beginnt, die Bienen eine nach der anderen einzusammeln, von den Fenstern, aus den leeren Töpfen auf dem Schrank, vom Sims. Er nimmt sie mit bloßer Hand, den Daumen darunter, die Handfläche darüber. Er bringt sie in eine alte Kiste aus hellem Holz, die er einst für die Mutter gebaut hatte. Die Kiste hat schmale Seiten, einen Deckel aus Gitter. Die Bienen stechen nicht. Eine Biene setzt sich auf den Rücken von Kenzos Hand. Sie bleibt dort. Kenzo trägt sie zur Kiste. Eine andere kommt hinein. Dann noch eine. Er bringt sie ohne Eile hinüber. Draußen vor dem Hof der Mutter, am Ende des Weges, hört man das Geräusch eines Astes. Kenzo dreht sich nicht um. Er macht weiter.

Die Bienen in der Kiste sind fünfzig. Dann hundert. Dann hundertzwanzig. Kenzo schließt den Gitterdeckel. Er sagt leise, zum Tisch der Mutter: Mutter. Ich bringe sie zu mir nach Hause. Sie kommen zu dir zurück, wenn die Beuten wieder aufgebaut sind.

Er geht den Weg hinunter, die Kiste in der Hand. An der Holzbrücke ist der Junge vom Rathaus in Hirakawa zurückgekommen, um das Plakat zu prüfen. Er sieht Kenzo ohne das Glöckchen herunterkommen. Er sagt, das Gesicht eng vor Sorge: Herr Sato, das Glöckchen. Kenzo sagt: ich habe es oben gelassen, bei meiner Mutter. Jetzt gehört das Glöckchen ihr. Der Junge versteht nicht. Kenzo geht weiter hinunter zum Holzhaus mit der Schiebetür, die undicht ist. Die Bienen in der Kiste summen leise, ein einziges Summen, das mehr Gesellschaft leistet als ein bronzenes Glöckchen.

*Präfektur Aomori, Japan. Ein Mann wird am dreißigsten Juni 02026 tot auf einem Berg gefunden, mit Bissspuren. Seit April 02026 fünf Tote, die Bären zugeschrieben werden, das Fünffache des Vorjahres; die Ursachen: Entvölkerung der ländlichen Dörfer, Wachstum der Bärenpopulation (The Japan Times, CBS News).*
Soffiato · II
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Notiz

Fakt: In der Präfektur Aomori, dem bergigen Hinterland des nördlichen Honshū, wird am dreißigsten Juni 02026 ein Mann tot auf einem Berg gefunden, mit Bissspuren. Von April bis Juni fünf Tote in Japan, die Bären zugeschrieben werden, das Fünffache des Vorjahres; die Entvölkerung der Dörfer als Ursache (The Japan Times, CBS News).

Welt: In Vietnam öffnet der erste inländische CO2-Markt, das erste nationale Instrument für den Emissionshandel (Bernama). In Uganda und im Kongo erreicht die Bundibugyo-Ebola-Epidemie eintausendhundertfünfundfünfzig bestätigte Fälle und dreihundertvier Tote (ECDC). In Nairobi prangert die Menschenrechtskommission die Folter von sechs Aktivisten an, die während einer Demonstration verhaftet wurden (Kenya Human Rights Commission).

Varianten: 5.

Soffiato · Pneuma II.

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