eine Erzählung am Tag, für immer

Die leere Hand

Der Rauch war an jenem Morgen noch kein Rauch, sondern eine Farbe: ein tiefes, über die Weinberge nach Westen gebreitetes Kupfer, genau der Ton, den Marcels Töpfe hatten, wenn er sie sonntags polierte und dabei behauptete (mit jenem Ernst, der ihm nur vor den kleinen Dingen kam), dass ein oxidiertes Kupfer ein Kupfer sei, das aufgehört habe, an sich selbst zu glauben. Renée stand in der Küche, wo sie seit einundfünfzig Jahren stand, in dem Haus, das kein Haus war, sondern ein Sediment: jeder Gegenstand dort abgestellt, wo ihn jemand abgestellt hatte, der angeschlagene Krug, den niemand wegwarf, weil ihn wegzuwerfen bedeutet hätte einzugestehen, dass die Hand, die ihn angeschlagen hatte, nicht mehr da war, die Einmachgläser mit der Handschrift ihrer Mutter, der Postkalender, stehen geblieben auf einem Jahr, das ihr wie gestern vorkam. Unter der Spüle, im Halbdunkel, das nach Spülmittel und nach Eisen roch, ruhte der Werkzeugkasten: das abgeblätterte grüne Metall, der Griff, der noch die Form seines Zupackens hielt, die Schraubenschlüssel nach Größe geordnet aus einer Pedanterie, die Renée vierzig Jahre lang gehasst hatte und die jetzt, wenn man es bedachte, das einzige Gebet war, das Marcel je zu sprechen gewusst hatte. Es lag, in jenem Kasten, der Dreizehner-Schlüssel, den er in einer Novembernacht absichtlich verbogen hatte, in der Nacht, in der Sylvie geboren wurde, um die Schraube einer Wiege zu erreichen und festzuziehen, die knarrte und die kein gerades Werkzeug erreichte: ein von einem einzigen Mann für den Bedarf jener einen Stunde ruinierter Schlüssel, den Marcel verbogen aufbewahrt hatte, wie man das Datum einer Geburt aufbewahrt, ohne ihn je zu richten, weil ihn zu richten (sagte er) so gewesen wäre, als sagte man Sylvie, dass jenes Knarren nie gewesen sei. Oben auf dem Schrank, ganz oben, wo man auf einen Stuhl steigen musste, die Schachtel mit den Fotografien: die vergilbten Kärtchen, die gezackten Ränder, die Gesichter, die niemand mehr zu nennen wusste, die sie aber trotzdem nannte, eines nach dem anderen, so wie man die Schafe zählt, die nicht zurückkommen. Sie sah das Kupfer dichter werden. Sie dachte nicht „der Wald brennt". Sie dachte, ohne zu merken, dass sie es dachte, dass jemand da oben die Töpfe schlecht polierte.

Dann klopfte es.

Der Gendarm war jung, durchnässt, das Funkgerät auf seiner Brust knatterte Zahlen; hinter ihm, auf der Straße, vibrierte ein laufender Motor wie ein zurückgehaltenes Tier. Er sagte die Worte, die alle in solchen Fällen sagen, Räumungsbefehl, jetzt, sofort, und Renée hörte sie von weit her ankommen, übersetzt, als erklärte man sie ihr in einer Sprache, die sie als junges Mädchen gelernt hatte. „Eine Sache, Madame", fügte er hinzu und blickte in das dunkle Innere des Flurs mit der Eile dessen, der zu zählen versteht: „eine Minute. Sie haben zwei Hände, aber im Auto ist nur ein Platz für Sie, nicht für das Haus." Er blieb auf der Schwelle und zählte die Sekunden, die das Feuer ihm geliehen hatte.

Renée ging unter die Spüle. Sie bückte sich, nahm den Kasten am Griff, spürte das ehrliche Gewicht des Eisens an ihrem Handgelenk zerren; sie stellte ihn auf den Tisch. Sie stieg auf den Stuhl, nahm die Schachtel vom Schrank, spürte sie leicht auf eine fast beleidigende Weise, Pappe und nichts; sie stellte sie neben den Kasten. Dann blieb sie so, beide Hände über den zwei Gegenständen schwebend, die Finger in gleicher Höhe geöffnet, wie einer, der segnet, oder wie einer, der nicht zwischen zwei Kindern wählen kann, was am Ende dieselbe Geste umgekehrt ist. Sie hatte ihr Leben damit verbracht, nicht zu trennen: das Lebende und das Tote zusammenzuhalten, den Krug und die Hand, das Kupfer und den Sonntag, überzeugt, dass alles zu behalten eine Art war, niemanden zu verlieren; und jetzt bat eine Stimme an der Tür sie, das Einzige zu tun, was sie nie gelernt hatte, nämlich zu entscheiden, dass eine dieser beiden Gegenwarten auf dem Tisch bleiben würde, während sie hinausging, und auf dem Tisch zu bleiben, heute, hieß nicht warten. Die rechte Hand senkte sich auf das grüne Metall; sie hob sich wieder. Die linke streifte die Pappe; sie zog sich zurück. Es gab eine Logik, die sie versuchte, wenn man das Logik nennen kann: die Fotografien kannte sie auswendig, jedes Gesicht hinter ihren Augen an einem Ort abgelegt, wo das Feuer nicht eindringt, während die Werkzeuge nein, die Werkzeuge waren Gesten, sie waren die Art, wie eine Hand sich auf die Welt legt, um sie zu reparieren, und das behält man nicht auswendig, das verliert man, wenn man das Eisen verliert, das es lehrte; sodass ihr, für einen Augenblick, den Kasten zu nehmen schien, den Teil Marcels zu retten, den sie allein nicht wiederaufbauen konnte. Marcel tot im Werkzeugkasten, Marcel tot in der Schachtel, und sie reglos in der Mitte, die Rechnung machend, die keine Rechnung auflöst. Der Gendarm sagte: „Madame." Da schloss sich die Hand. Ein einziges Ding in der Faust.

Im Auto, den Gegenstand gegen den Bauch gedrückt und den Gurt, der sich über dem Sperrigen nicht schließen wollte, bemerkte Renée, dass sie sich geirrt hatte. Nicht dass die andere Wahl die richtige gewesen wäre: sie bemerkte nur, dass sie das falsche Ding hielt aus einem Grund, den sie nicht zu sagen wusste, so wie die Zunge das Wort drei Tage nachdem es gebraucht wurde findet. Sie hatte den Werkzeugkasten genommen. Die Fotografien waren auf dem Tisch geblieben, die Gesichter zur Decke gewandt, und während das Auto die Serpentine hinabfuhr, wurde das Kupfer draußen vor dem Fenster orange, dann etwas Einfacheres als Orange, und sie begriff (zu spät, mit der erschreckenden Ruhe dessen, der zu spät begreift), dass sie seine Hände gerettet und sein Gesicht gelassen hatte; dass sie das Werkzeug und nicht das Bild gewählt hatte, weil ein Teil von ihr, der älteste, noch glaubte, dass man mit jenen Werkzeugen zurückkehren und alles reparieren könne, das Haus, die Schachtel, die Zeit, und das Feuer dagegen repariert nicht und kehrt nicht zurück. Sie blickte auf den Sitz daneben.

Er war leer. Keine Hand, die man hielt, füllte ihn.

Pyrénées-Orientales, Frankreich. Nach der dritten Hitzewelle des Sommers zwingt ein Waldbrand etwa 10.000 Menschen zur Evakuierung; über 190 km² verbrannt zwischen Portugal, Spanien, Frankreich und Griechenland, 6. Juli 02026 (Euronews, France 24, AP).
Filigrana · II
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Notiz

Tatsache: In den Pyrénées-Orientales leert ein Waldbrand nach Wochen der Hitze die Weiler: etwa zehntausend Menschen verlassen in wenigen Stunden ihre Häuser und nehmen mit, was in eine Hand passt.

Welt: In Raipur, Indien, tötet die Explosion einer Sauerstoffflasche in der Ferrolegierungsabteilung einer Fabrik drei Arbeiter beim Brennschneiden (The Hitavada). In Ituri, Kongo, übersteigen die Ebola-Toten die fünfhundert, und die Pflegekräfte drohen mit Streik wegen ausstehender Löhne (Al Jazeera). In der ecuadorianischen Provinz Manabí bringt der Krieg zwischen den Banden die Gewalt gegen Zivilisten auf den höchsten Stand des Jahres (ACLED).

Varianten: 5.

Filigrana · Pneuma II.

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