Die Straße des Sherani-Passes steigt in Serpentinen über einem ausgetrockneten Bach. Der Bus um sieben bringt die Männer zu den Fördergebieten: Tagelöhner, zwei Maurer, ein Samenverkäufer, drei Jungen, die sich zum ersten Mal anheuern lassen wollen. Noor ist neunzehn und ist Putzjunge. Er steigt als Letzter ein, an die offene Tür geklammert, den Lappen in der Gesäßtasche, den Plastikkanister mit dem Kühlwasser mit einer Schnur hinter dem Sitz des Fahrers festgebunden.
Bei Kilometer vierzehn sucht der Fahrer den Gang und findet ihn nicht. Noor begreift es am Geräusch, nicht an den Worten. Dann ist da die Leere unter den Rädern und das Blech, das zu einer Trommel wird, und Noor ist draußen, aus der Tür geschleudert, die er offen hielt, und rollt über den heißen Schotter, während der Bus in die Schlucht hinabfährt und auf der Seite liegen bleibt, ganz unten, gegen die Steine.
Noor steht auf. Er hat einen Arm, der nicht richtig gehorcht. Er steigt hinab. Unten in der Schlucht liegt der Bus wie ein großes Tier. Aus den Spalten kommt Staub, dann kommt nichts mehr. Es ist früh, die Sonne steht noch tief. Es ist niemand da. Nur er und der trockene Bach und der Wasserkanister, weggerollt, an einem Strauch liegen geblieben.
Noor beginnt, die Männer aus den zerbrochenen Fenstern zu ziehen. Er zieht vier heraus, die atmen, und sieben, die nicht atmen. Die vier, die atmen, legt er in den Schatten des Wracks. Die sieben legt er in einer Reihe auf den Schotter, das Gesicht nach oben. Die anderen kann er nicht bewegen, sie sind unter dem Blech, und das Blech ist zu viel.
Dann hält er inne. Er betrachtet die Gesichter der sieben. Sie haben den Staub der Schlucht auf sich, grau, der in die Nasenlöcher dringt und in den offenen Mund. Einer ist der Samenverkäufer, der ihm jeden Morgen eine Handvoll gerösteter Kichererbsen gab. Einer ist einer der Jungen, die sich anheuern lassen wollten: Er trägt noch das gute Hemd, das man anzieht, wenn man um Arbeit bittet.
Noor geht den Kanister holen. Darin ist das Kühlwasser, das für die Rückfahrt gebraucht wird, drei Liter, vielleicht vier. Es ist Motorwasser, kein Trinkwasser. Noor weiß das. Er befeuchtet den Lappen und beginnt, das Gesicht des Samenverkäufers zu reinigen. Er nimmt den Staub aus den Nasenlöchern, aus dem Mund, von den geschlossenen Augen. Das Gesicht wird wieder ein Gesicht. Er geht zum Jungen mit dem guten Hemd über. Dann zum dritten.
Von oben von der Straße kommt ein Motorengeräusch. Es sind die Jeeps der Levies und ein Pick-up der Busgesellschaft. Sechs Männer steigen zu Fuß in die Schlucht hinab. Der Älteste der Gesellschaft hat ein Heft in der Hand. Er zählt. Er nennt der Polizei eine Zahl. Er sagt vierunddreißig. Im Heft sind vierunddreißig Fahrscheine.
Noor weiß, dass es nicht vierunddreißig sind. Er hat sie einsteigen lassen. Die, die im Gang standen, die Tagelöhner, die in die Hand zahlen und keinen Fahrschein nehmen, die stehen nicht im Heft. Aber darauf schaut Noor nicht. Noor schaut auf den Kanister. Es ist Wasser für zwei Gesichter geblieben, vielleicht drei.
Der Mann der Gesellschaft sagt ihm, er solle es lassen, der Krankenwagen komme aus Zhob, die Leichen lüden sie. Er sagt ihm, er solle sich in den Schatten setzen, er sei verletzt. Die Polizei fotografiert das Wrack mit den Telefonen.
Noor befeuchtet den Lappen wieder. Er geht zum vierten Gesicht über. Es ist ein Mann, den er nicht kennt, kurzer Bart, ein Goldzahn. Er nimmt ihm den Staub aus den Nasenlöchern. Der Mann der Gesellschaft sagt es ihm noch einmal, lauter, er müsse aufhören, so sei er im Weg. Noor antwortet nicht. Er geht zum fünften Gesicht über.
Das Wasser im Kanister ist fast zu Ende. Es bleibt für ein Gesicht. Es sind noch drei Gesichter in der Reihe mit dem Staub auf sich, und dann sind da die unter dem Blech, die noch niemand gezählt hat. Noor weiß, dass das Wasser nicht reicht. Er wusste es schon vorher, seit er angefangen hat. Er befeuchtet den Lappen mit dem letzten Wasser und reinigt das sechste Gesicht, einen jungen Mann. Dann ist der Kanister leer. Er dreht ihn um, und es kommt nichts mehr heraus.
Er setzt sich auf den Schotter neben die Reihe. Der Mann der Gesellschaft schreibt etwas in das Heft. Die Polizei lädt die erste Leiche auf eine eiserne Bahre. Die Sonne steht jetzt hoch, und der Schotter brennt. Noor hält den leeren Kanister zwischen den Knien. Er schaut auf das siebte Gesicht, das er nicht mehr rechtzeitig reinigen konnte, mit dem Staub noch in den Nasenlöchern, und er steht nicht auf, um mehr Wasser zu suchen, denn mehr Wasser gibt es nicht. Er bleibt sitzen und schaut es an, das schmutzige Gesicht inmitten der sauberen Gesichter, bis sie kommen, um auch es aufzuladen.
Fakt: Am dritten Juli 02026 kommt ein überfüllter Linienbus Quetta-Islamabad von der Straße ab und stürzt in eine Schlucht entlang der Bergstraße im Gebiet von Danasar, im Distrikt Sherani, in Belutschistan, Pakistan: vierzig Tote und acht Verletzte. Viele Passagiere waren Tagelöhner (Reuters, Al Jazeera, 3. Juli 02026).
Welt: In Moldau tritt Ministerpräsident Alexandru Munteanu nach Monaten politischer Spannungen zurück (Politico). Im Sudan, in El Obeid in Nord-Kordofan, gibt die UNO eine rote Warnung vor der Gefahr einer Katastrophe und neuer Gewalt gegen Zivilisten aus (ABC News). In Belgien und Frankreich hinterlässt die Hitzewelle Ende Juni eine Übersterblichkeit: über zweitausend Tote mehr in Frankreich in einer Woche (Euronews, Le Monde).
Varianten: 5.
Lucido · Pneuma I.
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