Elf Uhr abends. Die Küche.
Die Jacke liegt auf dem Stuhl, nicht am Haken. Hüseyin setzt sich und zieht die Schuhe nicht aus.
Emine hat die Suppe auf der kleinen Flamme gelassen, klein gestellt, die Schüssel umgedreht über dem Topf, damit sie nicht kalt wird. Das Brot ist das von heute Morgen, im Tuch.
Das Radio steht auf dem Kühlschrank, leise. Es sind die Nachrichten um elf.
Auf dem Tisch stehen das Salz, ein Teller mit drei schwarzen Oliven und zwei Teegläser, eines davon umgedreht.
İlker sitzt am Tisch, das Telefon vor sich, das Display nach unten.
Niemand sagt etwas, bis die Nachrichten zu Ende sind.
Die Nachrichten bringen die Börse. Sie bringen eine gesperrte Straße in Izmir. Sie bringen das Brot.
Dann enden sie mit dem Wetter für morgen. In Ankara neunundzwanzig Grad.
Emine schaltet das Radio am Knopf oben aus, nicht am Stecker.
In das Silberbergwerk von Gümüşköy ist Hüseyin mit vierundzwanzig eingetreten. Jetzt ist er sechsundvierzig. Das sind zweiundzwanzig Jahre, und die ersten neun hat er unter Tage gemacht und die anderen dreizehn in der Wäsche, und in der Wäsche gehen die Hände weniger kaputt, aber der Lärm ist derselbe.
Seit Dezember kommt der Lohn nicht. Acht Monate.
Die Umschläge sind in der Innentasche der Jacke. Viermal gefaltet, alle zusammen, und der Falz hält sie. Sie machen eine Dicke wie ein Kartenspiel.
Sie sind zu zweiundzwanzig mit dem Abendbus aus Gümüşköy losgefahren, und um sechs Uhr früh waren sie in Kızılay, die Schilder zusammengerollt unter dem Arm, weil sie einem in Ankara offene Schilder zumachen lassen, bevor man überhaupt den richtigen Gehsteig erreicht.
Der richtige Gehsteig ist vor dem Ministerium. Da sind die Platanen. Da ist die niedrige Leitplanke.
Sie haben vierzig Minuten dort gestanden.
Dann kamen die Transporter. Dann hieß es einsteigen. Dann haben sie die Namen verlesen, einen nach dem anderen, den Ausweis in der Hand und die Stimme, die man im ganzen Transporter hört.
Sie haben auch seinen verlesen. Hüseyin Aydın, Gümüşköy.
Im Transporter sitzt man auf zwei Bänken einander gegenüber. Niemand redet. Einer von Doruk hat gesagt, sie seien seit März dabei und im März seien sie vierzig gewesen.
Um neun Uhr abends haben sie sie gehen lassen. Der Bus nach Kütahya fährt um Viertel vor elf.
Emine hat die Suppe um acht aufgewärmt, als der Schwager von Recep angerufen und gesagt hat, sie seien auf der Wache, und sie hat sie um halb elf noch einmal aufgewärmt, als sie das Tor gehört hat.
Im Oktober macht der Stollen wieder auf. Sie haben es in zwei Versammlungen gesagt. Sie machen wieder auf und rufen zurück, und sie rufen nach Dienstalter zurück.
İlker dreht das Telefon um und legt es mit dem Display nach oben in die Mitte des Tisches. Er schaltet es nicht ein.
„Vater. Gib sie mir."
Hüseyin schaut auf die umgedrehte Schüssel.
„Jetzt ist es nicht vorbei", sagt İlker. „Jetzt ist es vorbei, wenn es niemand weiß. Heute Abend hat es nicht einmal das Radio gesagt."
Emine steht am Spülbecken und dreht sich nicht um.
Hüseyin streckt den Arm zum Stuhl. Er nimmt die Jacke am Kragen. Er schiebt zwei Finger in die Innentasche und zieht das Päckchen heraus.
Er legt es auf den Tisch. Die Umschläge gehen von selbst ein wenig auf.
Er legt sie in die Hand des Sohnes. Alle acht. İlkers Hand schließt sich.
Dann nimmt Hüseyin sieben davon zurück.
Er nimmt sie eine nach der anderen zurück, vom Stapel, und hält mit der Linken die Hand des Sohnes fest. Bei der letzten hält er inne. Er schaut auf das Datum.
„Nur die vom März", sagt er.
İlker schließt die Hand nicht mehr.
„März ist einer. Acht sind acht."
„März ist einer", sagt Hüseyin.
„Und im Oktober?"
„Im Oktober rufen sie nach Dienstalter zurück."
İlker schaut den Umschlag an, der ihm geblieben ist. Er dreht ihn um. Auf der Rückseite steht nichts.
„Dienstalter haben alle", sagt er.
Emine dreht das Wasser im Spülbecken auf und lässt es laufen.
Hüseyin steckt die sieben zurück in die Innentasche. Er drückt sie mit dem Daumen fest, damit sie halten. Er legt die Jacke über den Arm.
İlker steht auf. Er nimmt das Telefon und den Umschlag vom März und geht ins Zimmer. Die Tür schlägt nicht.
Unter der Tür sieht man das Licht des Displays. Es geht aus und wieder an. Es geht aus und wieder an.
Hüseyin hängt die Jacke an den Haken hinter der Küchentür. Die Innentasche macht noch eine Dicke. Weniger als vorher.
Es ist der Haken, an dem die Jacke seit zweiundzwanzig Jahren hängt, und darunter, in der Wand, ist der Putz rund abgewetzt, so groß wie eine Schulter.
Er setzt sich. Emine stellt ihm die Schüssel hin und das Brot im Tuch. Sie nimmt das umgedrehte Glas weg und stellt eines richtig herum hin.
„Wie es gelaufen ist."
„Es ist gelaufen."
Im Bus, um eins, hatte der von Doruk allen dasselbe gefragt, einen nach dem anderen, während er durch den Gang ging, und jeden hatte er gefragt, wie es gelaufen sei.
„Es ist gelaufen", hatte Hüseyin gesagt.
Morgen früh beim Bäcker werden sie ihn fragen, wie es gelaufen ist. Beim Bäcker fragt immer jemand.
„Es ist gelaufen", wird er sagen.
Emine setzt sich gegenüber. Sie isst nicht. Sie schaut auf die Zimmertür, wo das Licht aus- und wieder angeht.
Fakt: In Ankara wurden die Bergleute von Eti Gümüş und Doruk Mining vor dem Energieministerium festgesetzt, während sie ihre ausstehenden Löhne forderten. Denen von Eti Gümüş schuldet man etwa acht Monatslöhne. (Turkish Minute, 10. August 02026.)
Welt: Am zehnten August verwüstet ein Erdbeben der Stärke sieben Komma vier mit Epizentrum im Chocó den Westen Kolumbiens: die Regierung ruft den nationalen Katastrophenfall aus, und die Vermissten übersteigen zweitausendsiebenhundert (Al Jazeera). Am elften August treffen im Bab al-Mandab drei Raketen den Frachter Tihamah und töten vier Besatzungsmitglieder; ein zweiter Abschuss tötet zwei unter den Rettern (UPI). Auf den Philippinen hinterlassen Monsun und Stürme neunzehn Tote und einundzwanzigtausend Vertriebene in zweihundertdreiundneunzig Zentren (Philippine Daily Inquirer).
Varianten: 5.
Soffiato · Pneuma II.
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