eine Erzählung am Tag, für immer
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Die zwei Freitage

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Ermek schließt die Kabine um sieben auf. Er nimmt das Vorhängeschloss ab, zieht den Rollladen hoch, schaltet die Plattformwaage ein. Das Display zeigt null Komma null. Die Kabine steht an der Einfahrt der Deponie von Alatau, im Gebiet Almaty, in Kasachstan: vierunddreißig Hektar Abfall, und dreißig davon im September letzten Jahres verbrannt, beim größten der sechs Brände seit zweitausendeinundzwanzig. Auf dem Tisch liegt das Wiegebuch. Es ist ein liniertes Heft mit grünem Einband und achtundvierzig Blättern. Ermek schlägt es bei der Seite vom Freitag auf. In Spalten stehen die Namen, die Kilo Kupfer, die geschuldeten Tenge, die Unterschrift des Käufers. Auf den letzten zwei Seiten, den zwei Freitagen im September, fehlt die Unterschrift des Käufers. Gestern hat man auf dem Basar erfahren, dass das Gericht den Vertrag der Firma aufgehoben hat, die die Deponie betrieb, und dass die vierunddreißig Hektar an die Gemeinde zurückgehen. Der Käufer kommt seit zwei Wochen nicht mehr. Von der Gemeinde ist niemand gekommen. Ermek nimmt den Stift aus dem Glas. Er probiert ihn auf der Rückseite des Buchs aus. Dann schreibt er das Datum oben auf die neue Seite: Sonntag, siebenundzwanzigster September.

Um acht kommen die Sortierer, die Kupfersäcke auf dem Rücken. Ermek wiegt einen Sack nach dem anderen. Er liest das Display ab, schreibt die Kilo auf, rechnet in Tenge um, dreht das Buch zum Schalterfenster. Jeder unterschreibt neben seiner Nummer. Saule, seine Schwester, ist die Letzte in der Reihe. Am Freitag unterschreibt sie mit einem Kreuz, weil sie nie zur Schule gegangen ist, und neben das Kreuz schreibt Ermek ihren vollen Namen, wie seit sechs Jahren, seit die Firma ihn in die Kabine gesetzt hat, weil er als Einziger aus ihrer Straße schreiben konnte. Vorher hat er zwei Jahre lang mit ihr das Kupfer aus dem Graben geholt. Die Namen im Buch, achtundvierzig Blätter, sind alle von seiner Hand.

Um zehn fährt ein weißer Niva durchs Tor. Serik steigt aus, der Chef der Deponiefirma, mit zwei Männern. Serik legt einen Umschlag und ein Blatt auf den Tisch. Im Umschlag sind hundertachtzigtausend Tenge, ein Monatslohn. Auf dem Blatt steht, dass zum heutigen Tag keine offenen Wiegungen bestehen, darunter die Zeile für die Unterschrift des Wiegers. Serik erklärt: Den Vertrag gibt es nicht mehr, von der Firma bekommt er keinen Tenge mehr für die Sortierer, die Gemeinde zahlt nicht die Schulden anderer, und die zwei Freitage im Buch bleiben Papier. Mit dem Umschlag wird wenigstens einer bezahlt. Er sagt auch den Rest. Wenn Ermek nicht unterschreibt, geht der Umschlag zurück, und auf diesen zwei Seiten bleibt sein Name stehen. Ab morgen lässt ihn niemand mehr an eine Waage, weder die Firma noch wer danach kommt. Saule steht hinter der Scheibe, den Sack zu ihren Füßen. Sie sagt einen einzigen Satz.

„Wenn du unterschreibst, hat es unsere zwei Freitage nie gegeben.“

Die Waage ist eingeschaltet. Auf dem Tisch liegt der Umschlag, verschlossen.

Ermek nimmt das Blatt. Er dreht es zu sich, streicht es mit der Handfläche auf dem Tisch glatt, neben dem Buch. Er nimmt den Stift aus dem Glas. Er zieht die Kappe ab und steckt sie hinten auf den Stift, wie am Freitag. Er senkt die Spitze auf die Unterschriftszeile und hält sie dort, einen Finger breit über dem Papier. Draußen, hinter der Scheibe, hat Saule den Sack auf die Plattform gestellt und wartet, die Hände in den Taschen der Schürze. Das Display der Waage zeigt einundvierzig Komma zwei. Ermek steckt die Kappe wieder auf den Stift. Er legt den Stift quer auf das leere Blatt. Er schiebt den Umschlag über den Tisch zurück, bis an die Kante auf Seriks Seite, mit zwei Fingern. Dann schließt er das Buch und hält die offene Hand auf den Einband.

Serik sieht den Umschlag an und rührt ihn nicht gleich an. Er sagt, dann nehme er die Waage mit, weil sie der Firma gehört, und das Buch nehme er auch mit, weil auch das der Firma gehört. Ermek sagt, das Buch gibt er der Gemeinde. Serik ruft die zwei Männer aus dem Niva. Sie ziehen den Stecker, heben die Plattform an den Griffen hoch, tragen sie zu zweit hinaus. Saule nimmt ihren Sack herunter, bevor sie sie anheben. Serik nimmt den Umschlag und steckt ihn in die Innentasche seiner Jacke. Das Buch bleibt unter Ermeks Hand.

Der Niva fährt um zehn Uhr vierzig zum Tor hinaus. Auf dem Boden der Kabine, wo die Waage stand, bleibt ein Rechteck aus sauberem Zement, einen Meter mal achtzig. Ermek schlägt das Buch beim letzten leeren Blatt auf und trennt es an der Heftung heraus. Er faltet es auf ein Viertel zusammen und schneidet es mit dem Brotmesser in vier gleiche Rechtecke. Er trennt zwei weitere heraus. Dann nimmt er den Stift. Für jeden Namen der zwei Freitage beschreibt er ein Rechteck: den Namen, das Datum, die Kilo Kupfer, die geschuldeten Tenge, und darunter „gewogen von Ermek Sadykov, Kabine Alatau“, und die volle Unterschrift, nicht das Kürzel. Es sind elf Namen. Die letzten drei schreibt er im Stehen, weil sie den Stuhl zusammen mit der Waage mitgenommen haben. Dann geht er hinaus. Am Tor warten die Sortierer in einer Reihe, wie am Freitag vor dem Käufer. Ermek gibt jedem sein Rechteck und sagt die Summe laut. Der Erste liest es, faltet es, steckt es in die Jackentasche. Der Zweite hält es in der Hand und sieht auf die Unterschrift. Das letzte ist für Saule. Saule nimmt es und steckt es in den Handschuh, an die Handfläche, wo sie am Freitag das Geld aufbewahrte.

*Alatau, Gebiet Almaty, Kasachstan. Auf Antrag der Regionalstaatsanwaltschaft erklärt ein Gericht den Treuhandvertrag über die Deponie von 34 Hektar in Alatau für nichtig, die einer Gesellschaft übertragen war, die faktisch dem früheren Akim des Bezirks Iliysky gehörte, am 27. November 2025 wegen Korruption verurteilt, und die 34 Hektar fallen zurück in kommunales Eigentum; zwischen 2021 und 2025 werden auf der Deponie 6 Brände verzeichnet, der größte erfasst davon 30, 26. September 02026 (Kursiv Media Kazakhstan, Zakon.kz, Informburo.kz, Vlast.kz, Kazakhstan Today).*
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Notiz

Fakt: In Alatau, in Kasachstan, erklärt ein Gericht den Treuhandvertrag über eine Deponie von 34 Hektar für nichtig, die mit einem wegen Korruption verurteilten früheren Akim verbunden ist; sie fällt an die Gemeinde zurück. Seit 2021 hat es dort sechs Brände gegeben. (Kursiv Media Kazakhstan; Zakon.kz, 26. September 02026.)

Welt: Am achtundzwanzigsten September greifen in Baidoa, in Somalia, dem früheren Präsidenten des Südwest-Staates treue Kräfte die Stadt mit sprengstoffbeladenen Drohnen und einer Autobombe an, und die Armee antwortet (Al Jazeera). Die Überschwemmungen in Thailand treffen eine Million siebenhunderttausend Menschen in siebenundzwanzig Provinzen, und in Tanintharyi, in Myanmar, tötet ein Erdrutsch mindestens acht Menschen (Bangkok Post). Am Sonntag reißt eine Lawine das Basislager des Himlung Himal im nepalesischen Manang mit: vier Leichen geborgen, zwölf vermisst (Outlook India).

Varianten: 5.

Incalmo · Pneuma I.

Überarbeitete Fassung vom 1. Oktober 02026.

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