Anand war zweiundvierzig und schlief auf dem Plastikstuhl neben dem Bett seines Vaters. Die Intensivstation des Prasad Hospital, fünfter Stock, Brahmpura, Muzaffarpur. Diesen Stock kennst du, verstehst du, im Viertel kennen ihn alle, es ist der, den sie den Stock oben nennen, und von diesem Stock kommen die Alten nicht herunter. Der Vater hieß Krishnandann Prasad Singh, sechsundsiebzig Jahre, ein Schlaganfall im März, seit acht Tagen eingeliefert. Intubiert. Der Herzmonitor machte ein Geräusch wie vier mal fünf. Vier Schläge, eine Pause, fünf Schläge, eine Pause. Anand zählte, um nicht einzuschlafen. Er war trotzdem eingeschlafen. Den Kopf auf der Decke des Vaters, eine neue Decke, am Samstag auf dem Markt von Kalyani Chowk für zweihundert Rupien gekauft.
Drei Uhr fünfundfünfzig. Der Rauch kam vor dem Alarm. Es war ein Geruch von verbranntem Plastik, süßlich, widerlich. Anand sprang auf. Er sah seinen Vater an. Der Vater schlief. Der Monitor machte noch vier mal fünf. Er öffnete die Tür des Zimmers. Der Flur war voller grauem Rauch. Er zog sich das T-Shirt über den Mund.
Er ging zum Schwesternzimmer. Leer. Er ging zum Tisch der diensthabenden Ärztin. Leer. Da war eine brennende Zigarette im Aschenbecher, eine offene Wasserflasche. Ein Handy auf dem Tisch. Es klingelte. Niemand ging ran.
Er ging zurück ins Zimmer. Er schloss die Tür. Aus dem Flur kam ein Geräusch von Schuhen auf der Treppe. Viele Schuhe. Er sah durch den Türspion. Er sah drei Pfleger rennen. Er sah die diensthabende Ärztin, die, die er madam nannte, rennen. Sie liefen zur Treppe. Er öffnete die Tür. Er sagte: madam. Er sagte: madam. Er sagte: madam. Die Ärztin drehte sich nicht um. Der Rauch kam ins Zimmer. Anand schloss wieder. Der Vater hustete, die Augen geschlossen.
Er dachte an seine Schwester in Patna. Er dachte, er hätte sie anrufen sollen. Er dachte an das Behandlungsblatt, das am Bett hing. Er hatte es zwanzigmal gelesen. Es sagte: den Patienten nicht ohne qualifizierte Hilfe bewegen. Es sagte: kontinuierlicher Sauerstoff, zwei Liter pro Minute. Es sagte viele Dinge. Anand umklammerte das Blatt. Er wusste nicht, ob er es war, der umklammerte, oder die Hand, die sich von selbst geschlossen hatte.
Er dachte an die Decke, die der Vater geblümt gewollt hatte, nicht gestreift, weil sie geblümt der seiner Mutter ähnelte, die sieben Jahre zuvor gestorben war. Er dachte an die Schwester, die mittwochs den Vater mit den breiten Zähnen des alten Kamms kämmte, die einzige, die ihn wie einen Mann behandelte. Er dachte, dass jene Schwester in dieser Nacht zu Hause war. Es war eine Nacht der Mitte, eine jener Nächte, in denen das diensthabende Personal das jüngste ist. Er dachte, er müsste auch den Cousin aus Sitamarhi anrufen, denn der Cousin aus Sitamarhi war der, der sich immer um die Angelegenheiten der Alten kümmerte.
Er drehte sich zum Vater. Er sagte: babuji. Der Vater antwortete nicht. Der Rauch kam jetzt durch einen Spalt unter der Tür. Anand dachte daran zu warten. Er dachte, die Ärztin würde zurückkommen. Die Ärztin kam nicht zurück. Er legte die Hand auf den Sauerstoffschlauch. Die Haut des Vaters war warm. Die Maske mit den Schläuchen war mit Pflaster an der Wange befestigt. Anand löste das Pflaster mit zwei Fingern. Er nahm die Maske ab. Er zog den Schlauch aus der Nase. Der Monitor piepte nicht. Vielleicht war er ausgesteckt. Vielleicht funktionierte er nicht mehr. Er sah den Monitor nicht an. Er bückte sich. Er nahm den Vater unter den Achseln und unter den Knien. Der Vater war leicht wie ein Sack Reis von fünfzehn Kilo. Sechsundsiebzig Jahre eines Mannes, der Grundschullehrer in Sitamarhi gewesen war. Fünfzehn Kilo. Anand hatte niemanden um Erlaubnis gefragt. Er hatte den Schlauch gezogen. Er hatte den Vater genommen. Er war zur Tür gegangen.
Der Flur war eine graue Wolke. Anand ging an der Wand entlang. Er wusste, wo die Treppe war. Man merkt sich diese Dinge, am ersten Tag. Er stieg Stufe um Stufe hinab. Der Vater hustete auf seiner Schulter. Husten war Leben. Er hustete, also atmete er. Fünf Stockwerke. Im dritten hielt er an. Nicht weil er müde war. Weil er hinter sich eine Stimme gehört hatte, die sagte: man darf den Patienten nicht ohne den Arzt hinunterbringen. Es war eine Schwester, die herunterkam. Es war eine der Schwestern von vorhin, die, die an ihm vorbeigegangen war, ohne ihn anzusehen. Anand antwortete nicht. Er ging weiter.
Im Erdgeschoss waren zehn, fünfzehn Menschen. Alle lebendig, alle stehend. Anand legte den Vater auf die Stufe eines geschlossenen Ladens auf der anderen Straßenseite. Er setzte sich daneben. Die Sonne stand noch nicht hoch, die graue Morgendämmerung des Juni. Anand hatte keine Jacke. Er hatte das Behandlungsblatt in der Hand, zerknittert. Er sah es an. Er las es noch einmal. Er suchte die Zeile: kontinuierlicher Sauerstoff. Er versuchte zu verstehen, ob er den richtigen Schlauch gezogen hatte, ob das der Sauerstoffschlauch war oder der Schlauch der anderen Sache, der Schlauch, den sie danach anschlossen. Er erinnerte sich nicht. Er wusste es nicht. Die Frage war da, saß mit ihm und mit dem Vater auf der Stufe. Der Vater hustete. Anand nahm seine Hand. Der Vater hustete noch einmal, leiser. Dann hustete er nicht mehr. Anand blieb neben dem Körper sitzen. Er hielt die Hand des Vaters, bis der erste Mann vom anderen Gehsteig kam. Der Mann fragte, ob er Hilfe brauche. Anand antwortete nicht. Er sah auf das zerknitterte Behandlungsblatt in seiner Hand. Er versuchte zu verstehen, ob er den richtigen Schlauch gezogen hatte, ob das der Sauerstoffschlauch war oder der Schlauch der anderen Sache, der Schlauch, den sie danach anschlossen. Er erinnerte sich nicht. Er wusste es nicht. Die Frage war da, saß mit ihm und mit dem Vater auf der Stufe. Er hatte richtig gehandelt. Er hatte schnell gehandelt. Richtigkeit und Schnelligkeit, das wusste er, misst man nicht auf derselben Skala.