eine Erzählung am Tag, für immer

Das vierte Bein

Limbani Phiri war neunundzwanzig Jahre alt und hatte einen unfertigen Stuhl, an die Wand der Baracke gelehnt, mit den drei Beinen schon gehobelt und dem vierten noch ein rohes Parallelepiped, das an die Balken der Pfahlbauten am Malawisee erinnerte, wo sein Vater, in einem anderen Leben vor der Dürre von zweitausendsiebzehn, das erste Stück mlombwa für seine Werkstatt in Mzimba geschnitten hatte. Der Stuhl war für Mrs Dlamini, die Südafrikanerin am Eierstand auf dem Markt von Edendale, die bar bezahlte und den, der ihr die Dinge richtete, nicht nach dem Pass fragte. Es war Juli, als er ihn fertigmachte. Es war eigentlich der neunundzwanzigste Juni, aber in Slangspruit sagt man Juli, wenn es richtig kalt zu werden beginnt, wenn die Blechbaracken zu einem Trommelfell werden und alle Nachbarn zusammen um vier aufwachen, weil jemand hustet, als sollte ein Knochen aus ihm herauskommen.

Mphatso war am Abend zuvor gekommen, um ihm zu sagen, er solle in den Bus steigen, den, den der Bürgermeister von Pietermaritzburg bereitgestellt hatte, um jeden, der bis zum Dreißigsten weg wollte, an die Grenze zu bringen, und Limbani hatte den Stuhl angesehen mit der Miene dessen, der ausrechnet, wie viele Nägel er noch in der Tasche hat. Mphatso hatte gesagt: die Grenze ist die Grenze, ein Stuhl ist ein Stuhl, einen Stuhl kann man auch in Lilongwe machen. Limbani hatte ihn darauf hingewiesen, dass es in Lilongwe keine Mrs Dlamini gibt, und dass Mrs Dlamini ihm vor zwei Wochen einen Vorschuss von vierhundert Rand in die Hand gedrückt hatte, was bedeutete, dass der Stuhl nicht mehr ganz seiner war, er gehörte zu etwa einem Drittel einer Frau, die Eier verkaufte und die ihn im Gegenzug nie gefragt hatte, woher er kam. Mphatso hatte geantwortet, dass Stühle nur Stühle sind und dass tote Männer keine Stühle fertigmachen, und Limbani hatte das vierte Bein angesehen und gedacht, dass es in Lilongwe zwar noch Holz gäbe, freilich, aber dass das Holz von Lilongwe ein anderes Holz ist, und dass ein Stuhl aus dem mlombwa von Mzimba nicht derselbe Stuhl ist, den man aus dem bluegum von Pietermaritzburg macht, der bluegum ist heller, er hält die Nägel besser, aber er singt nicht unter dem Hobel, wie der mlombwa singt, sein Vater hatte es vom portugiesischen Maler aus Salima gelernt, der die Möbel für die Nonnen machte und sagte, jedes Holz hat eine Stimme, man müsse ihr nur zuhören.

Am Morgen des Dreißigsten war er um sechs hinausgegangen. Er hatte den Stuhl genommen, um ihn in den Hof zu tragen und ihn bei gutem Licht fertigzumachen, weil die Glühbirne der Baracke vor zwei Wochen ihren Geist aufgegeben hatte und die Glühbirnenläden geschlossen waren, seit Operation Dudula das Lager von Mr Govender in Brand gesteckt hatte, dem Inder, der allen alles verkaufte, ohne auf die Haut zu achten, und jetzt musste man für eine Glühbirne bis zur Edendale Mall gehen, aber in die Edendale Mall kehrten die Somalier nicht mehr zurück, die Mosambikaner auch nicht, die Malawier wie Limbani gingen mit gesenktem Blick hindurch. Er hatte den Stuhl umgekehrt auf das Schraubentischchen gestellt. Er hatte den Hobel genommen. Er hatte das vierte Bein zwei, drei, zehn Minuten gehobelt, genug, um eine Handvoll Späne auf den Boden fallen zu lassen, die aussahen wie die schwarzen Locken einer jungen Frau, und das hatte ihn daran erinnert, dass wir seine Schwester in Malawi zum Geburtstag der Nichte anrufen mussten, das würde er morgen erledigen lassen, heute machte er den Stuhl fertig.

Sie waren zu fünft von der Seite der Wasserpumpe gekommen. Limbani hatte sie nicht gleich gesehen, weil er über das Holz gebeugt war, aber er hatte das Geräusch der Stiefel auf der festgestampften Erde gehört, ein präzises, trockenes Geräusch, wie wenn sein Vater in der Kellerwerkstatt den Hammer schlug und du schon wusstest, welchen Nagel er suchte, allein an der Art, wie er ihn bewegte. Er hatte den Kopf gehoben und den vordersten gesehen, einen Jungen von vielleicht siebzehn Jahren mit einem Cricketschläger, der ihn auf Zulu gefragt hatte, ob er Malawier sei, und Limbani hatte gedacht, dass das Wort Malawier auf Zulu fast klingt wie das Wort auf Chichewa, zwei Bantusprachen, die sich in derselben betonten Silbe treffen, und das war ihm für einen Augenblick tröstlich erschienen, wie wenn du eine Verbindung findest, die von selbst hält, und keine Nägel brauchst.

Er hatte ja gesagt.

Er hatte nichts anderes gesagt, weil da der Hobel in der einen Hand und das vierte Bein des Stuhls in der anderen waren, und weil Mphatso ihm erklärt hatte, dass etwas anderes zu sagen nichts nützt. Der Junge hatte den Schläger gehoben. Die anderen vier waren nähergekommen. Mrs Dlamini würde auf dem Markt von Edendale um neun Uhr morgens den Eierstand öffnen, wie sie es seit achtzehn Jahren jeden Dienstag tat, würde die Kasse mit einem nassen Lappen putzen, würde ihre vierhundert Rand Vorschuss zählen, wie ein Mensch die Monate eines Wartens zählt, das bald zu Ende geht, und noch ein paar Tage lang würde sie glauben, dass der Stuhl käme, dass der malawische Tischler nur zu spät sei, dass Holz Holz ist und Mzimba Mzimba ist und ein Stuhl, einmal begonnen, ein Stuhl wird fertiggemacht.

Pietermaritzburg, Südafrika. Ein neunundzwanzigjähriger malawischer Staatsbürger wird von einer Menge in einer informellen Siedlung nach Wochen fremdenfeindlicher Gewalt getötet; die Frist des Ultimatums der Gruppe Operation Dudula gegen Migranten ohne Papiere war auf den 30. Juni gesetzt, 29. Juni 02026 (CNN, Al Jazeera, NPR).
Calcedonio · I
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Notiz

Fakt: In Pietermaritzburg, Südafrika, wird ein neunundzwanzigjähriger malawischer Staatsbürger von einer Menge in einer informellen Siedlung getötet; die fremdenfeindliche Gruppe Operation Dudula hatte den dreißigsten Juni als Frist ihres Ultimatums an Migranten ohne Papiere gesetzt. (CNN, Al Jazeera, NPR, 29. Juni 02026)

Welt: In Washington hebt der Oberste Gerichtshof einen einundneunzig Jahre alten Präzedenzfall auf und gibt dem Präsidenten die Macht zurück, die Leiter unabhängiger Behörden zu entlassen, bestätigt ein Gesetz aus Mississippi über die Auszählung der Briefwahlstimmen, beschränkt den Einsatz von Geofencing durch die Polizei. In Longview, im Bundesstaat Washington, sterben acht Arbeiter nach dem Bruch eines Chemietanks bei Nippon Dynawave Packaging, der schwerste Arbeitsunfall im Bundesstaat seit fast einem Jahrhundert. In China, in Shanxi, steigt die Bilanz der Gasexplosion im Bergwerk: zweiundachtzig Tote, hundertzwanzig Eingelieferte. (NPR, OPB, World Socialist Web Site)

Varianten: 5.

Calcedonio · Pneuma I.

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