eine Erzählung am Tag, für immer

Elf

Havildar Devinder prüft das Seil, bevor er es hinunterlässt. Es ist ein statisches Seil von elf Millimetern. Er bindet es mit einem Achterknoten an den Fuß des Pfostens. Er zieht zweimal, um den Knoten zu prüfen. Der Knoten hält. Dann hängt er den Karabiner in den Gurt.

Das Wasser hat die Furt in der Nacht überspült. Der Fluss, den man im Juni zu Fuß durchqueren konnte, läuft jetzt braun. Er trägt Äste und einen Plastikkanister. Der Trupp ist im Morgengrauen gekommen, zu Fuß, von der letzten geteerten Straße. Sie haben die Seile in den Rucksäcken getragen. Sie sind vorsichtig die Böschung hinuntergestiegen.

Auf der anderen Seite, auf einer Bodenerhebung, stehen elf Menschen. Sechs Erwachsene und fünf Kinder. Sie sind auf die Erhebung gestiegen, als das Wasser kam. Sie haben die Nacht dort verbracht. Die Erhebung wird schmaler. Devinder sieht eine Minute lang auf das Wasser, bevor er die Seile anfasst. Er sucht die Stelle, wo die Strömung am langsamsten ist. Er wählt den Punkt für das Spannseil dort, wo der Fluss am schmalsten ist.

Der Trupp besteht aus vier Männern. Zuerst messen sie den Abstand zwischen den Ufern. Es sind etwa zwanzig Meter. Dann werfen sie den Sack mit der Leine. Der erste Wurf fällt zu kurz. Der zweite kommt an. Ein Mann drüben bindet die Leine an einen Baum.

Mit der Leine ziehen sie das Spannseil herüber. Es ist ein Seil von zwanzig Millimetern, dicker als das am Gurt. Sie spannen es mit einem dreifachen Flaschenzug. Das Seil überquert die Strömung einen Meter über dem Wasser. Sie befestigen es hier am Pfosten und drüben am Baum. Devinder prüft die Spannung mit der Hand. Das Seil ist hart wie Eisen.

Devinder hängt die Rolle in das Spannseil. Die Rolle hat eine Scheibe aus Aluminium. An die Rolle bindet er den Gurt mit zwei Reepschnüren. Er hängt auch eine Rückholleine ein, um die Rolle nach jedem Durchgang zurückzuziehen.

Als Erster geht ein Mann. Devinder legt ihm den Gurt an. Er zieht die Schnalle auf der Brust fest. Er prüft die Schnalle mit zwei Fingern. Er sagt dem Mann, er solle die Hände am Seil lassen und die Beine nicht bewegen. Der Mann fährt an der Rolle hängend hinüber. Er braucht vierzig Sekunden. Auf der anderen Seite nehmen sie ihn in Empfang.

Auf der anderen Seite ziehen die drei Männer des Trupps an der Rückholleine. Die Rolle kommt leer am Seil zurück. Devinder nimmt sie wieder. Er macht sie für den Nächsten bereit.

Dann geht eine Frau. Dann noch ein Mann. Jedes Mal legt Devinder den Gurt an, zieht die Schnalle fest, prüft mit zwei Fingern, hängt die Rolle ein. Jedes Mal sagt er denselben Satz: Hände am Seil, Beine still. Jedes Mal bringt die Rückholleine die Rolle zurück. Die Strömung darunter steigt jede Stunde um einen Finger. Devinder sieht es am Pfosten, wo er mit dem Messer eine Kerbe gemacht hat. Die Kerbe um vier. Eine weitere Kerbe um fünf. Ein Finger zwischen den beiden Kerben.

Die Kinder fahren eng an einen Erwachsenen gebunden. Das erste Kind ist vielleicht acht Jahre alt. Devinder bindet es vor seinen Vater, Brust an Rücken, mit einem zusätzlichen Band. Er zieht fest. Er prüft. Er schickt sie los. Das zweite Kind weint und lässt die Mutter nicht los. Devinder löst es nicht. Er bindet die beiden zusammen. So schickt er sie los.

Auf der Erhebung bleiben zwei Menschen. Eine Frau und ein kleines Kind. Das Kind ist zwei oder drei. Die Frau hält es auf dem Arm. Das Wasser steht jetzt einen halben Meter unter der Kerbe am Pfosten.

Devinder fährt selbst als Letzter hinüber, zur Erhebung, an der Rolle hängend. Er kommt auf der anderen Seite an. Er legt der Frau den Gurt an. Er bindet ihr das Kind vor die Brust. Er zieht das Band fest. Er prüft mit zwei Fingern. Er hängt sie in die Rolle. Er schickt sie los. Dann bleibt er allein auf der Erhebung, die jetzt drei Schritte breit ist.

Die Rolle kommt leer am Seil zurück. Devinder hängt sich ein. Bevor er losfährt, sieht er auf die Erhebung hinter sich, um zu prüfen, dass nichts und niemand zurückgeblieben ist. Es ist nichts zurückgeblieben. Er fährt hinüber. Vierzig Sekunden. Sie nehmen ihn in Empfang.

Am anderen Ufer stehen die Beamten des Distrikts mit einem Register. Sie zählen die Geretteten. Ein Offizier mit einem Stift fragt Devinder nach der Zahl. Devinder hebt eine Hand. Er hält sie einen Augenblick in der Luft, die Finger offen. Dann zählt er laut, während er die Menschen ansieht, die unter der Plane sitzen: sechs Erwachsene. Fünf Kinder. Elf.

Der Offizier schreibt elf in das Register. Er fragt, ob das alles sei. Devinder sieht noch einmal die Menschen unter der Plane an. Das kleine Kind, das von zwei oder drei Jahren, ist auf dem Arm der Mutter und trinkt aus einer Flasche. Devinder sieht das Kind an und antwortet dem Offizier nicht gleich.

Dann sagt er die Zahl nicht. Er geht zu der Mutter hin. Er beugt sich hinunter. Er fragt das Kind, wie es heißt. Das Kind antwortet nicht. Die Mutter antwortet. Sie sagt den Namen. Devinder wiederholt den Namen einmal, leise, und richtet sich auf.

Der Offizier wartet mit dem Stift. Devinder kommt zu ihm zurück. Er sagt ihm: elf. Sechs Große, fünf Kleine. Dann fügt er etwas hinzu, das der Offizier nicht in das Register schreibt, weil in das Register nur die Zahl kommt. Er sagt den Namen des kleinen Kindes. Der Offizier sieht ihn an und schreibt nicht. Devinder erklärt es nicht. Er zieht die Handschuhe an. Er beginnt, das Seil vom Pfosten zu lösen, einen Knoten nach dem anderen.

Rajouri, Jammu und Kaschmir, Indien. Die indische Armee bringt 11 Menschen, darunter 5 Kinder, aus einem überfluteten Gebiet in Sicherheit und führt sie am 19. Juli 02026 vor den Distriktbeamten wieder mit ihren Familien zusammen (IBG News, 19. Juli 02026).
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Notiz

Fakt: In Rajouri, in Jammu und Kaschmir, bringt die indische Armee elf Menschen aus einem überfluteten Gebiet in Sicherheit, fünf davon Kinder, und führt sie vor den Beamten des Distrikts wieder mit ihren Familien zusammen. (IBG News, 19. Juli 02026.)

Welt: Am 16. Juli treffen russische Raketen in der Nacht Kyjiw, zwei Tote und fünf Verletzte, darunter ein Kind, eine Lagerhalle in Flammen (Euronews). Am 17. Juli reißt eine Sturzflut ein Bergdorf bei Lai Chau im Norden Vietnams mit sich und hinterlässt Tote und Vermisste (Bangkok Post). Am 20. Juli tötet ein israelischer Angriff auf ein Auto in Mawasi, nahe Khan Yunis im Gazastreifen, drei Menschen (Times of Israel).

Varianten: 5.

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